Seit dem 16. Dezember 2020 gilt bundesweit für alle Schulen der von der Politik beschlossene Lockdown und damit auch die Schulschließung für das Hölty. Seitdem befindet sich das Hölty in der Ludwig-Hölty-Straße und in der Versonstraße in Hambühren im Dämmerzustand. Für alle Höltyaner*innen bedeutet dies Distanzlernen im sogenannten Szenario C. Seit nunmehr mehr als elf Wochen werden nahezu alle Hölty-Kurse und -Klassen von zu Hause im Homeschooling beschult. Nur der Abiturjahrgang darf sich in Präsenz mit unseren besten Wünschen auf das bevorstehende Abitur vorbereiten. Zehn Wochen, in denen die Hölty-Lerngruppen von zu Hause lernen, sich nur in Distanz digital in Videokonferenzen oder auf Lernplattformen zusammenfinden, sich nur bedingt sehen, voneinander hören und miteinander ins Gespräch kommen. Kontakte, Privates oder Persönliches, Gespräche in den Pausen, neue Eindrücke und soziale Interaktionen fallen hinten runter. Ein kreatives, kontaktintensives und offenes Schulleben und ein Miteinander stehen still und ruhen auf absehbare Zeit. Nur zur Zeugnis- und Bücherausgabe zum Halbjahreswechsel durften sich die Schüler*innen für kurze Zeit wieder in der Schule einfinden. Eigentlich ein Grund zur Freude, aber schnell wurde deutlich, dass man sich in Präsenz wieder neu aneinander gewöhnen muss.

Seit dem 15. März 2021 – just in dem Moment, in dem das Infektionsgeschehen zum dritten Mal exponentiell anzusteigen drohte und in dem die Bundesrepublik sich einer dritten Welle ausgesetzt sah – konnten sich die Jahrgänge 5, 6, 7 und 12 wieder im Präsenzunterricht einfinden, allerdings im sogenannten Szenario B, dem Wechselunterricht. In geteilten Gruppen besuchten die Höltyaner*innen dieser Klassenstufen wieder den Unterricht. Die Jahrgänge 8, 9, 10 und 11 sollten dann ab dem 22. März folgen, jedoch hat der Landkreis auf die massiv steigende Inzidenz reagiert und das Hölty wieder geschlossen. Eine weitere Woche im Distanzlernen.

Das Corona-Virus hält das Hölty wie das gesamte gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben vollständig in seinem Griff. Seit Beginn des Lockdowns richtet sich der bange Blick der Schule – sei es die Schulleitung, sei es das Lehrerkollegium, seien es die Schüler*innen und Eltern – täglich auf das Infektionsgeschehen, auf das Fallen und Steigen der Zahlen und auf die daraus gefassten politischen Entscheidungen, die unmittelbaren Einfluss auf die Arbeit an der Schule haben. Wöchentlich, mitunter täglich, ändern sich die Voraussetzungen und die Bedingungen, unter denen wir zu lernen und zu lehren haben, versinnbildlicht durch die Flut an Ministerbriefen, neuen Erlassen, Rundverfügungen und Verordnungen aus Hannover, die beständig eintreffen. Und diese müssen stetig für das Hölty neu gedacht, abgeglichen, angepasst, korrigiert, nachgebessert und mitunter improvisiert werden. Vieles, was heute in einer Schulleitungssitzung für das Hölty durchdacht, beschlossen und zu Papier gebracht wird, landet am nächsten Tag im Papierkorb – muss angepasst werden. Eine Herkules- und Sisyphusaufgabe zugleich.

Unterdessen versucht das Lehrerkollegium, das Distanzlernen für die Höltyaner*innen zu organisieren. Als unerlässlich erweist sich hier unsere Schulplattform IServ, die sich trotz einiger kleinerer Unzulänglichkeiten und Schwächen für das Distanzlernen bewährt hat. Die Klassen erhalten und bearbeiten wöchentlich ihre Aufgabe über das Aufgabenmodul, die am Montag herunter- und häufig am Freitag wieder hochgeladen werden müssen. Und auch die Rückmeldungen durch das Kollegium erfolgen über dieses Modul. Videokonferenztermine werden vereinbart und schließlich durchgeführt, die Klassen werden in den Konferenzen schließlich in Kleingruppen in die Gruppenräume verschoben, in denen sie die Unterrichtsinhalte aufbereiten und anschließend präsentieren und besprechen. Tägliche Nachfragen werden über den Messengerdienst oder per E-Mail geklärt. Sicherlich kommen auch andere Lernplattformen und Lern-Apps im Distanzunterricht zum Einsatz, aber IServ ist derzeit durch nichts zu ersetzen. Schließlich fährt man gefühlt als erste Tageshandlung IServ hoch und checkt als letztes Tagewerk, bevor man zu Bett geht, nochmal die E-Mails und den Aufgabenstand und fährt IServ runter, manchmal auch nach Mitternacht.

Ähnlich werden die Schüler*innen denken, die den größten Rucksack zu tragen haben. Von ihnen wird am meisten abverlangt. Sie müssen sich auf eine Arbeitsweise einstellen, die für sie vollkommen neu ist, ihnen, perspektivisch gesehen, aber auch einige wertvolle Erfahrungen bringen wird. Woche für Woche müssen sie – zwar ggf. mit Hilfen, Ratschlägen und Ideen innerhalb der Familien versorgt und aus der Distanz von den Lehrer*innen beobachtet und begleitet – ihr Lernen selbst organisieren, unter der Aufgabenflut, die sich ihnen am Montag frühmorgens im Aufgabenmodul offenbart, ihre Woche und ihre Tagesabläufe strukturieren, die Herangehensweise planen und die Inhalte erarbeiten, zu Papier bringen und digital für den Upload aufbereiten – in bis zu acht Fächern. Eine große Herausforderung für unsere Höltyaner*innen, die die Hölty-Schülerschaft in weiten Teilen mit großer Motivation und Engagement angegangen ist. Ihnen allen gilt die allergrößte Anerkennung. Woche für Woche haben sie produziert und abgegeben. Ein Blick auf die im Aufgabenmodul hochgeladenen Aufgaben zeigt, was und wie hundertfach wiedergegeben, dargestellt, erläutert, analysiert, begründet und beurteilt wurde. Was im Unterricht als schöner Gedanke im Gespräch flüchtig ist, liegt nun verschriftlicht als kollektives Gedächtnis gespeichert vor. Kulturgut junger Menschen im Lernprozess und eine Fundgrube für Bildungsforscher. Dieses Lernen hat seinen Preis, denn unseren Schüler*innen ist die intensive Beanspruchung, Ermüdung und Erschöpfung nach elf Wochen Distanzlernen anzumerken. Sie sehnen sich nach Normalität, nach ihren Freunden in der Schule, nach Unterricht und nach dem Hölty in Präsenz – wie wir alle.

Michael Rücker