„Kommt, ihr kleinen Krabben!“, säuselt die Großmutter den Kindern und Marie zu, kurz bevor sie ihr nihilistisches Gleichnis vorträgt, in dem bereits das Ende des Fragments „Woyzeck“ angekündigt wird. Direkt nach der Erzählung, in welcher es um ein verlassenes Kind geht, was trotz Hoffnung auf Sicherheit am Ende allein zurückgelassen wird, holt Franz Woyzeck seine Frau Marie ab, um sie umzubringen. Das uneheliche Kind der beiden bleibt allein und verlassen zurück – wie in der Geschichte.

Woyzeck, ein armer Soldat, muss in seiner Verantwortung, Frau und Kind zu ernähren, verschiedene fragwürdige Gelegenheitsjobs annehmen. Unter anderem spielt er für einen verrückten Arzt das Testobjekt: Drei Monate lang soll er nichts als Erbsen zu sich nehmen. Kein Wunder, dass ihn die menschliche Entwürdigung irgendwann in den Wahnsinn treibt und er seine Frau umbringt, die ihn mit einem Tambourmajor betrügt, reicher und weniger zeitlich eingebunden als Woyzeck.

Auch in der Corona-Krise wächst die Schere zwischen arm und reich. Vor allem sozial schwächere Menschen leiden unter den Einschränkungen, Einnahmen brechen weg und häusliche Gewalt steigt durch die Isolation zuhause. Auch Kultur und Soziales fallen weg, Theater und Kinos sind zu. Deswegen wollten wir zumindest schulintern eine Alternative bieten, denn wir halten Kultur für ein Grundbedürfnis – denn wie schon Carl Gustav Jung, Begründer der Tiefenpsychologie, sagte: „Alle Kultur ist Erweiterung unseres Bewusstseins.“

Für unser Seminarfachprojekt im Schuljahr 2020/2021 inszenierten wir Woyzeck in besonderer Form – wir nahmen den gesamten Text auf, denn wir durften aufgrund der immer härter werdenden Corona-Beschränkungen nicht vor größeren Menschenmengen sprechen. Ob unser Publikum in diese Rubrik einzuordnen war, darüber lässt sich jedoch streiten, denn wir durften nur unserer eigenen Kohorte, dem 13. Jahrgang, das Ergebnis des Projektes vorstellen. In der Praxis waren dies drei Leistungskurse, aufgeteilt in zwei Vorstellungen am 23. November 2020.

Die gesamte Planung und Durchführung des Projektes waren aufwendig und herausfordernd, der Text musste angepasst, der Ton für die Synchronisation eingesprochen und das synchrone Darstellen eingeübt werden. Kreative Elemente wie Kostüme, Bühnenbild, Flyer und letztendlich auch die Wahl der Masken, die wir bei der Aufführung tragen mussten, sollten gut überlegt sein. Viele Beteiligte brachten Erfahrung aus der Theater-AG mit, andere, wie unter anderem Kai Stumpf in der anspruchsvollen Hauptrolle des Woyzecks, spielten erstmalig und dennoch herausragend ihre Rollen. Die Aufführung war ein voller Erfolg, die Kritik der Zuschauer*innen und der Lehrer*innen sehr gut.

Wir sind sehr stolz darauf, auch während der Pandemie einen kleinen Beitrag zu Kultur und Theater geleistet zu haben und hoffen, bald wieder Theater ohne Einschränkungen erleben zu können. Bis dahin fordern wir Innovation und Tatendrang von Politiker*innen und Durchhaltvermögen von allen Bürger*innen, um Kultur bald wieder möglich zu machen!

Amelie Riga, Emily Walsh, Fenna Kruse, Julius von Bose,
Felix Kopner, Anina Kramer, Kai Stumpf,
Lenya Boehm-Meier, Nina Zummach, Antonia Denecke